Statistik und Deportation
der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich

Deportationen aus Westfalen nach Auschwitz 1943

Abfahrtsdatum: 02.03.43, Herkunft: Dortmund - Bielefeld, Deportierte: 547 (nur Westfalen, Gesamtstärke: ?)

Westfalen war von den Verfolgungsmaßnahmen im Rahmen der reichsweiten "Fabrikaktion" von allen Regionen außerhalb Berlins am stärksten betroffen. Dortmund war nicht nur Sammelstelle für die zur Deportation bestimmten jüdischen Arbeiter und ihre Familien aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, sondern in der Nacht vom 1./2.3.43 zugleich Zwischenstation für einen Koppelzug, der von Stuttgart kommend über Trier durch das Ruhrgebiet geführt wurde und bereits 212 Menschen aus Württemberg, Baden und dem Rheinland aufgenommen hatte. Am 2.3.43 fuhr dieser Zug weiter in Richtung Bielefeld, wo die Menschen für den Transport im Saal der Eintracht am Klosterplatz gesammelt wurden. Bis zu 80 von ihnen waren zuvor im Lager Schloßhof [J. Asdonk u.a., (Hrsg.), "Es waren doch unsere Nachbarn!", Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945, Bielefeld 2012, S. 103; B. Sunderbrink (Hrsg.), Der Schloßhof, Bielefeld 2012, S. 139].


Aus dem Kreis Paderborn wurden am 1.3. mehr als 100 Menschen nach Bielefeld zum Anschluss an den Transport überstellt. Hierzu heißt es in einer Anweisung der Gestapoleitstelle Münster an die Außendienststelle Paderborn: "Das Jüdische Arbeitseinsatzlager in Paderborn, die Jüdin Neumann in Paderborn, Bachstr. 6., die Familie Tobias in Haaren und Erwin Dietrich in Westheim sind bis Montag spätestens 1300 Uhr im Saal der Eintracht in Bielefeld einzuliefern." Betroffen waren allein 98 Juden des aufgelösten Lagers am Grünen Weg [M. Naarmann, Ein Auge gen Zion... Das jüdische Umschulungs- und Einsatzlager am Grünen Weg in Paderborn 1939-1943, Paderborn 2000, S. 61-62]. Dr. Margot Neumann war Lehrerin des jüdischen Waisenhauses in Paderborn und lebte im "Judenhaus" in der Bachstr., bevor sie deportiert wurde [A. Rübbelke, "Man schämt sich" - Judenverfolgung in Paderborn, in: J. Meynert, A. Klönne (Hrsg.), Verdrängte Geschichte, Bielefeld 1986, S. 133]. Walter und Selma Tobias aus Haaren wurden mit ihren 5 Kindern abtransportiert [J. Wedekin, Die Landjuden von Haaren, Haaren 2008, S. 194-197]. Erwin Dittrich aus Westheim war zusammen mit seiner Mutter Thekla nach der Ankunft in Bielefeld vom Transport zurückgestellt und in das Lager Schloßhof überführt worden. Beide wurden am 12.5.43 nach Theresienstadt deportiert [B. Sunderbrink (Hrsg.), Der Schloßhof, Bielefeld 2012, S. 139].


Ebenfalls nach Bielefeld überführt und von dort deportiert wurden 8 Juden aus Osnabrück. Sowohl der 2.3. als auch der 3.3. werden in behördlichen Schreiben als Datum ihrer "Evakuierung" nach Auschwitz genannt [HStAH, Hann. 210 Acc. 160-98, Nr. 8]. Überlebende sprechen davon, dass der Zug in den Morgenstunden des 3.3. Bielefeld verlassen hat [LAV NRW OWL, D 21 A Nr. 19087]. Aus den Erinnerungen von Paul Hoffmann geht jedoch hervor, dass die Bielefelder Deportierten am Morgen des 2.3. in die geschlossenen Güterwagen des aus Dortmund kommenden Zugs "verladen" wurden. Eine von ihm und Lotte Windmüller im Zug geschriebene Postkarte, die bei einem Zwischenhalt durch den Luftschlitz des Waggons geworfen wurde, trägt den Poststempel Neiße 3.3.43 [D. Hoffmann, Lebensspuren meines Vaters, Göttingen 2007, S. 107-108]. Anzunehmen ist, dass nach der Weiterfahrt von Bielefeld auch die im Rahmen der "Fabrikaktion" verhafteten Juden aus Hannover und Braunschweig dem Koppelzug angeschlossen wurden. Für diese Teiltransporte wird der 2.3. als Abgangsdatum in Schreiben der Finanzbehörden genannt (siehe hier). In den Morgenstunden des 3.3. sind zudem die bei der "Fabrikaktion" verhafteten Juden aus Dresden und weiteren Orten Sachsens abtransportiert und dabei dem Transport aus dem westlichen Deutschland angeschlossen worden, wie sich aus den später in Auschwitz vergebenen Häftlingsnummern ermitteln lässt. Der Zug hatte Westfalen demnach am 2.3. verlassen. Am Abend des 3.3.43 erreichte der Transport das Konzentrationslager Auschwitz (siehe hier).


Durch die Reichsvereinigung wurden im Monat März 1943 insgesamt 547 Deportierte aus dem Bereich der Bezirksstelle Westfalen registriert. Da kein Transport nach Theresienstadt oder in ein anderes Lager führte, kann davon ausgegangen werden, dass die in der Statistik aufgeführte Zahl sich auf die Deportierten vom 2.3. nach Auschwitz bezogen hat. Transportlisten für die beiden Teiltransporte aus Dortmund und Bielefeld sind nicht bekannt. Erhalten ist jedoch die "Anwesenheitsliste" der Jüdischen Arbeitseinsatzgruppe Paderborn vom 31.12.1942 mit den Namen der 98 überwiegend jungen Menschen, die später deportiert wurden. Die nachfolgende Reproduktion dieser Liste stammt aus dem Archiv des ITS. Ebenfalls abgebildet ist die "Liste der am 2. März 1943 von Bielefeld abgeschobenen Juden" aus Osnabrück in einer Kopie aus dem Niedersächsischen Landesarchiv, Bestand NLA Hannover Hann. 210 Acc. 160/98 Nr. 8 fol. 247.

©TF 2016, mail(at)statistik-des-holocaust.de

Häftlingsnummern in Auschwitz vom 3.3.43 für Deportierte aus dem Arbeitseinsatzlager Paderborn


104890

Abraham, Manfred

104939

Grünebaum, Artur

104999

Nathan, Heinz

104891

Abramowicz, Siegfried

104941

Guttentag, Arthur

105004

Ohnhaus, Alfred

104892

Angrass, Erwin

104942

Hartog, Gert

105008

Philipp, Isidor

104895

Auerbach, Erich

104944

Heilbronn, Emil

105014

Rosenbaum, Kurt

104898

Bauer, Max

104952

Isaak, Martin

105022

Sander, Günter

104899

Becher, Heinz

104956

Joselewitsch, Nathan

105025

Seligmann, Sallo

104900

Berg, Günther

104962

Kiewe, Dagobert

105034

Schwabe, Erich

104905

Blum, Walter

104967

Krohner, Fritz

105041

Steinitz, Kurt

104906

Brinitzer, Herbert

104968

Kuttner, Ludwig

105044

Sternfeld, Wolf

104907

Broh, Walter

104969

Langenbach, Hartwig

105046

Teesch, Fredy

104911

Deutsch, Erhard

104974

Levy, Heinz

105055

Wartenburg, Hans

104915

Ellenberg, Wolf

104975

Levy, Max

105057

Weil, Siegfried

104923

Fuld, Alwin

104978

Lilie, Justin

105058

Weinberg, Günther

104925

Gern, Günther

104982

Lippmann, Joachim

105064

Wolf, Manfred

104928

Glogowski, Walter

104983

Löwenstein, Jürgen

105065

Wolff, Peter

104931

Goldschmidt, Horst

104992

Meyer, Alfred

105087

Goetz, Werner

104934

Grajewski, Daniel

104995

Michel. Ernst

105134

Podlescher, Alfred

Aus den Unterlagen des ITS sind die in Auschwitz vergebenen Häftlingsnummern für die in der Paderborner Liste verzeichneten 61 Männer zum größten Teil bekannt (siehe Tabelle). Sie wurden für den Arbeitseinsatz in Monowitz selektiert. Für einige Paderborner (Arthur Guttentag, Martin Isaak, Ernst Michel, Alfred Podlescher, Hans Wartenburg, Günther Weinberg) ist der in Auschwitz erstellte "Häftlingspersonalbogen" erhalten geblieben, aus dem Details zur Person sowie die Daten der Verhaftung in Paderborn (26.2.-1.3.43) und Einlieferung in Auschwitz (3.3.43) hervorgehen. Die abgebildeten Personalbögen aus dem Archiv des ITS wurden durch Yad Vashem als Bestandteil der Digitalen Sammlungen (Shoa Related Lists Database) online publiziert.

Häftlingsnummern in Auschwitz vom 3.3.43 für Deportierte aus dem übrigen Westfalen


104893

Artmann, Moritz

104973

Leiter, Leo

105071

Brass, Hans

104902

Bendorf, Julius

104979

Lion, Ernst

105077

Dillenberg, Ernst

104903

Bendorf, Manfred

104980

Likier, Jakob

105086

Fürth, Erich

104916

Feldheim, Alfred

104985

Löwenstein, Siegfried

105090

Grüneberg, Herbert

104917

Fink, Siegfried

104990

Meier, Siegfried

105102

Hesse, Norbert

104918

Frank, Julius

105001

Neugarten, Max

105112

Kaufmann, Max

104919

Frank, Karl

105002

Neuhaus, Ludwig

105131

Nelson, Gerhard

104920

Frankenthal, Hans

105003

Neustädter, Bernhard

105132

Niedrig, Schulim

104921

Frankenthal, Ernst

105012

Ransenberg, Friedel

105143

Rosenstein, Mease

104927

Giesener, Heinz

105017

Rosenthal, Georg

105148

Sohrauer, Siegfried

104932

Goldschmidt, Rolf

105018

Rosenthal, Max

105149

Sonntag, Daniel

104933

Gollubier, Herbert

105020

Ruhr, Erich

105458

Bachmann, Julius

104935

Groß, Julius

105023

Sachs, Julius

105460

Eichengrün, Walter

104936

Groß, Heinz

105033

Schulte, Julius

105461

Eichengrün, Oskar

104940

Gugenheim, Fritz

105047

Tobias, Walter

105465

Grünewald, Walter

104946

Heinemann, Hugo

105049

Voos, Julius

105468

Goldschmidt, Ludwig

104949

Hildesheimer, Hans

105060

Wilp, Adolf

105471

Hirsch, Arthur

104951

Hoffmann, Paul

105061

Wilp, Hermann

105474

Heilborn, Gerhard

104953

Werner, Jakob

105062

Wilzig, Samuel

105475

Heilbronn, Walter

104955

Josephs, Helmut

105067

Zimmt, Georg

105483

Lichtenstein, Herbert

104957

Kahlenberg, Salo

105070

Berger, Siegfried

105490

Rose, Werner

Für weitere männliche Deportierte der Teiltransporte aus Dortmund und Bielefeld können die in Auschwitz am 3.3.43 vergebenen Häftlingsnummern mit Hilfe der Unterlagen des ITS ermittelt werden (siehe Tabelle). Darüberhinaus existieren ebenfalls "Häftlingspersonalbögen" aus Auschwitz, so für Heinz Groß, Julius Groß, Paul Hoffmann, Max Kaufmann, Leo Leiter, Gerhard Nelson, Mease Rosenstein (alle Bielefeld), Walter Tobias (Haaren), Hugo Heinemann und Jakob Likier (beide Dortmund). Im Dokument zu Walter Tobias ist zum "Wohnort" der Ehefrau Selma vermerkt: "z. Zt. in K. L. Auschwitz", zur Zahl der Kinder: "5". Es ist unwahrscheinlich, dass die Frau und Kinder von Walter Tobias auch nur Tage nach der Ankunft noch gelebt haben.

Arbeitseinsatzlager Paderborn

"Personalbögen" für Deportierte aus dem Arbeitseinsatzlager Paderborn

"Personalbögen" für Deportierte aus Westfalen (außer Paderborn)

OT430302-O1

Osnabrück