Statistik und Deportation
der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich

Erfurt - Weimar - Leipzig - Chemnitz nach Bełżyce

Abfahrtsdatum: 10.05.42, Deportierte: 1002

Am 10.5.42 wurden 1002 jüdische Menschen aus Thüringen und Sachsen über Weimar, Leipzig und Chemnitz abtransportiert und in das Getto von Bełżyce im Distrik Lublin des Generalgouvernements gebracht. Die Thüringer Juden hatten sich einen Tag zuvor in der als Sammellager dienenden Viehauktionshalle am Güterbahnhof Ettersburger Str. in Weimar einzufinden. Im westlichen Thüringen wurden die Menschen hierzu am frühen Morgen des 9.5. nach Eisenach gebracht, von wo aus der Zug um 11.06 Uhr abfahren und in Weimar um 14.18 Uhr ankommen sollte. Am Erfurter Hauptbahnhof mussten die Betroffenen morgens um 6 Uhr für den Weitertransport mit der Bahn nach Weimar "Aufstellung genommen haben" [C. Liesenberg, H. Stein (Hrsg.), Deportation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942, Erfurt 2012, S. 29, 124].


In den Morgenstunden des 10.5. fuhr der Zug mit 516 Menschen von Weimar in Richtung Leipzig ab, wo an einem Güterbahnhof außerhalb der Stadt (vermutlich Engelsdorf) 287 Menschen aus Leipzig und umliegenden Orten zusteigen mussten. Gegen Abend erreichte der Koppelzug Chemnitz und fuhr nach Aufnahme von 199 Menschen aus Chemnitz, Plauen und Zwickau gegen 20.45 Uhr weiter in Richtung Osten [C. Liesenberg, H. Stein (Hrsg.), Deportation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942, Erfurt 2012, S. 31, 32]. Am 12.5. trafen die Deportierten im Getto von Bełżyce ein, wo sich seit Februar 1940 bereits Juden aus dem Stettiner Transport befanden (siehe hier).


In der Monatsstatistik der Reichsvereinigung für Mai 1942 wurden aus den Gestapobezirken Weimar 343 und Erfurt 174 Deportierte registriert. Für die Teiltransporte haben sich Namenslisten der Deportierten erhalten, die durch die Bezirksstelle Sachsen-Thüringen der Reichsvereinigung erstellt wurden. In diesen sind in Übereinstimmung mit den Angaben der Reichsvereinigung 343 Menschen mit Wohnort im Regierungsbezirk Weimar und 174 im Regierungsbezirk Erfurt aufgeführt. Unter den 58 Deportierten aus Eisenach ist jedoch auch Eleonore Plaut verzeichnet, die am 9.5. vor der Überführung nach Weimar Selbstmord begangen hatte [C. Liesenberg, H. Stein (Hrsg.), Deportation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942, Erfurt 2012, S. 29]. Aus Thüringen sind demnach 342 Menschen deportiert worden.


Die Gestapo Weimar meldete in einem Schreiben vom 11.5. an den Oberfinanzpräsidenten in Rudolstadt, dass "am 10.5.42 ... aus Thüringen 342 Juden nach dem Generalgouvernement evakuiert worden" sind. Die beigefügte "Liste der am 10. Mai 1942 aus Thüringen evakuierten Juden, deren Vermögen auf Grund der 11.VO. zum Reichsbürgergesetz zu Gunsten des Reiches verfallen bezw. als volks- u. staatsfeindl. Vermögen einzuziehen ist" führt allerdings für Eisenach wiederum 58 deportierte Personen auf, ebenso eine am 20.6. nachgereichte Aufstellung, in der auch der Name von Eleonore Plaut enthalten ist. Der Widerspruch zur Liste der Bezirksstelle Sachsen-Thüringen der Reichsvereinigung kann damit erklärt werden, dass in dieser zusätzlich Ricka Jungheim verzeichnet hat, die am 7.5. von Plauen nach Meiningen überführt wurde und die in der Gestapoliste nicht genannt ist.


Die Liste der Bezirksstelle Sachsen-Thüringen enthält für den Teiltransport aus Leipzig 323 Namen, von denen 36 gestrichen wurden. Unter den 287 Deportierten waren 273 mit letztem Wohnsitz in Leipzig, weitere 14 kamen aus Orten in der Umgebung. In der Liste der deportierten Juden aus Chemnitz befinden sich die Namen von 129 Menschen. Auf einer weiteren Chemnitzer Liste sind 130 Juden verzeichnet, einschließlich Ludwig Leopold, der am 10.5. verstorben ist. Aus Plauen und Zwickau wurden laut den Namenslisten der Reichsvereinigung 53 bzw. 17 Menschen deportiert. Insgesamt sind demnach 199 Menschen am 10.5. in Chemnitz dem Transport aus Weimar - Leipzig angeschlossen worden. Die aus den Transportlisten ermittelte Zahl der Deportierten aus Sachsen stimmt mit den Angaben der Reichsvereinigung in ihrer Monatsststatistik zu den einzelnen Gestapobezirken überein.


Die Namenslisten für die drei Teiltransporte befinden sich im Archiv der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig, Bestand 2/66 (Weimar, Chemnitz) und 2/83 (Leipzig). Diese sind hier in einer Kopie des USHMM, Bestand RG-14.035, Reel 11 und 14, reproduziert. Durch Yad Vashem wurden einige der Listen online zugänglich gemacht, so für die Deportierten aus Erfurt - Weimar (siehe hier) und Chemnitz - Plauen (siehe hier).

Erfurt - Weimar

Chemnitz - Plauen - Zwickau

Leipzig

Orte, aus denen deportiert wurde









Altenburg

17


Gera

34


Plauen

53

Apolda

15


Gotha

16


Pößneck

3

Arnstadt

21


Greußen

1


Ritschenhausen

2

Aschenhausen

2


Grimma

3


Römhild

7

Bad Lausick

2


Groitsch

1


Rosswein

2

Bad Liebenstein

1


Hildburghausen

4


Rudolstadt

1

Bad Salzungen

11


Hüpstedt

5


Ruhla

1

Bauerbach

1


Ilmenau

14


Saalfeld

5

Berkach

7


Jena

9


Schleusingen

8

Bibra

5


Kahla

1


Sondershausen

4

Bleicherode

4


Kaltennordheim

5


Sonneberg

1

Borna

1


Kaltensundheim

3


Suhl

18

Chemnitz

129


Leipzig

273


Themar

5

Crimterode

2


Leisnig

2


Tiefenort

5

Eisenach

57


Meiningen

42


Walldorf

6

Eisenberg

4


Mittweida

3


Weimar

19

Erfurt

101


Möhra

1


Zwickau

17

Gehaus

4


Mühlhausen

17




Geisa

8


Nordhausen

19




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