Statistik und Deportation
der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich

Stuttgart - München - Chemnitz nach Auschwitz

Abfahrtsdatum: 13.07.42, Deportierte: 50 (nur München, Gesamtstärke: ?)

Der Transport war ursprünglich bereits für den 20.6.42 mit dem Ziel Generalgouvernement vorgesehen und sollte mit einem Teiltransport aus Stuttgart verbunden werden (siehe hier). Eine zeitweise Verkehrssperre bei der Reichsbahn führte zur Verlegung auf den 13.7.42 [HStA Stuttgart, EA99/001, Bü275]. Mit dem Transport wurden 50 Menschen aus München nach Auschwitz deportiert. Von ihnen hatten laut einer namentlichen Liste der Finanzbehörden 43 eine Münchener Adresse (davon 2 mit dem Vermerk "z.Zt. in Haft"). Dazu kamen 7 polnische jüdische Zwangsarbeiterinnen aus dem Frauenarbeitslager bei der Firma Flachsröste Lohhof in Unterschleißheim. Dieses Lager bestand seit dem Sommer 1941 mit zunächst 52 jüdischen Mädchen und Frauen aus München im Alter von 14-22 Jahren. Nachdem 35 von ihnen zusammen mit der Lagerleiterin am 20.11.41 deportiert worden sind, wurden am 18.12.41 weitere 68 jüdische Frauen aus Polen nach Lohhof gebracht, die zuvor einige Monate im Arbeitslager Unterdießen ebenfalls in einem Flachsbetrieb beschäftigt gewesen waren [BA R8150/760]. Am 23.10.42 wurden die noch in Lohhof befindlichen 60 polnischen Frauen zur Arbeit nach Augsburg überstellt [StadtA München, NL Meister].


Die Deportationsliste ist nachfolgend abgebildet. Sie befindet sich im Historischen Archiv der Commerzbank, Bestand HAC-500/3774-2000. Eine weitere Kopie liegt im Staatsarchiv München, Bestand OFD 4258. Auf der Liste ist bei 16 Namen der Vermerk "St" für "Staatsfeinde" handschriftlich hinzugefügt. Wie aus dem Begleitschreiben des Oberfinanzpräsidenten München zu dieser "Namensliste der im Monat Juli 1942 nach den Ostgebieten abgeschobenen Juden (Welle IV)" hervorgeht, wurden diejenigen Personen mit einem "St" markiert, deren Vermögen aufgrund der Gesetze über die Einziehung und Verwertung volks- und staatsfeindlichen Vermögens eingezogen wurde. Dies betraf z.B. Juden nichtdeutscher Staatsbürgerschaft. Die 7 polnischen Frauen aus Lohhof tragen alle den Vermerk "St".

Auschwitz als Deportationsziel lässt sich durch die Gestapoangaben für den nach München geführten Teiltransport aus Stuttgart ermitteln (siehe hier). Der Transport wurde von Münchener Gestapobeamten auch als "Straftransport" bezeichnet, da einige Menschen direkt aus der Haft zugeführt wurden [M. Strnad, Zwischenstation "Judensiedlung", München 2011, S. 132]. Mit deportiert wurde Dr. Julius Hechinger, leitender Mitarbeiter der Jüdischen Kultusvereinigung München. Im Listenauszug der Gestapo München für die Finanzbehörde heißt es zu Julius Hechinger: "Der Vorgenannte ist am 15. Juli 1942 ausgewandert. Sein Vermögen ist von diesem Zeitpunkt auf Grund der Elften VO zum Reichsbürgergesetz vom 25.November 1941 (RGBl I S.722) dem Reich verfallen." [StA München, OFD 8577] Diese Formulierung ließe auf eine Deportation mit Überschreitung der Reichsgrenze schließen, während Auschwitz sich im Inland befand und damit das Vermögen nach den einschlägigen Bestimmungen hätte eingezogen werden müssen. Wie am Beispiel des Berliner Teiltransports vom 11.7.42 (siehe hier) gezeigt wurde, gab es offensichtlich Unklarheiten bei der Vermögensabwicklung im Zusammenhang mit diesen ersten Deportationen aus Deutschland direkt in das Konzentrationslager Auschwitz (abgesehen von den oberschlesischen Transporten im Mai/Juni 1942).


Der 13.7.42 als Datum der Deportation wird in einer beim ITS Bad Arolsen verwahrten umfangreichen Namensliste der Münchener Juden bestätigt. Obwohl unvollständig (die ersten Seiten mit 417 Namen fehlen), können aus dieser Liste detaillierte Angaben zu etwa drei Viertel aller 1789 in München registrierten Juden und zu ihrem Verbleib in der Zeit zwischen Mitte 1942 und Mitte 1943 entnommen werden. Bei einigen der Deportierten vom 13.7. sind darin auch Hinweise zu finden, die auf den Abtransport arbeitsunfähiger Kranker schließen lassen. So sind handschriftlich Zusätze wie "Gesichtslähmung", "Verkrümmung der Wirbelsäule" oder "herzleidend" hinzugefügt.


Das im oben erwähnten Listenauszug zu Julius Hechinger genannte Datum der "Auswanderung" mit Vermögensverfall am 15.7.42 könnte einen Hinweis auf den Ankunftstag in Auschwitz geben, da das Vermögen eines Deportierten nicht mit dem Tag der Deportation, sondern dem Tag des Überschreitens der Reichsgrenze verfallen war. Auf die besonderen Geheimhaltungsvorkehrungen bei diesem Transport ist es zurückzuführen, dass der Finanzbehörde nicht bekannt gemacht wurde, dass sich das Transportziel tatsächlich noch innerhalb der Reichsgrenzen befand. Der Transport ist zuvor nach Chemnitz geleitet worden, wo weitere Teiltransporte, so aus Sachsen und Luxemburg, angeschlossen wurden (siehe hier).


Bisher nicht geklärt ist der Verbleib von 7 Deportierten aus Regensburg, die ebenfalls in der Statistik für Juli 1942 registriert wurden, für die sich aber keinerlei Aufzeichnungen zu einem Anschluss an den Münchener Transport finden lassen. Ihre Namen werden in einer Aufstellung des Bayerischen Staatskommissariats für rassisch, religiös und politisch Verfolgte genannt (siehe Abbildung). Von einigen ist bekannt, dass sie krank und gebrechlich waren (wie mehrere Münchener, siehe oben) und am 15.7.42 als "unbekannt abgemeldet" in den Melderegistern verzeichnet worden sind. Auch mit dem Stuttgarter Transport, der am 13.7.42 mit dem Münchener Zug verbunden wurde, sind viele Kranke und Gebrechliche nach Auschwitz gebracht worden. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die Regensburger diesem Transport angeschlossen wurden.


Allerdings gibt es in den Unterlagen des Oberfinanzpräsidenten Nürnberg ein von der Gestapo Regensburg mit dem Datum 13.7. erstelltes "Verzeichnis über die am 23.Juli 1942 abgeschobenen Juden des Stapobezirks", in dem die 7 aus Regensburg deportierten Juden aufgeführt sind. Aus weiterem Schriftverkehr kann jedoch entnommen werden, dass es sich hierbei um eine fehlerhafte Datumsangabe handeln muss und die Menschen ebenfalls am 13.7. abtransportiert wurden. Das Dokument ist nachstehend in einer Kopie aus dem Staatsarchiv Nürnberg, Bestand OFD Nürnberg (Bund) Nr. 15456, abgebildet.

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