Statistik und Deportation
der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich

Nürnberg - Würzburg nach Riga

Abfahrtsdatum: 29.11.41, Deportierte: 1010

Im Monatsbericht des Regierungspräsidenten von Ober- und Mittelfranken vom 7.12.41 heißt es: "Im Zuge der Juden-Evakuierungsaktion ging am 29. November ein Sonderzug mit 1001 Juden und neun Kindern nach Riga ab. Vermutlich aus Furcht vor der bevorstehenden Evakuierung haben drei Jüdinnen Selbstmord verübt." [Bayern in der NS-Zeit, Bd. 1, München 1977, S. 484] Für den Transport vom 29.11.41 nach Riga wurden zuvor Juden aus ganz Franken in das Sammellager Nürnberg-Langwasser geschafft. In einer "Organisationsanweisung" hatte die Staatspolizeistelle Nürnberg-Fürth bereits am 11.11. eine genaue Planung aufgestellt, die auch die Zahl der zu Deportierenden aus den einzelnen Regionen und die für sie vorgesehenen "Evakuierungsnummern" festlegte. Demnach sollten je 200 Menschen aus Oberfranken (Nr. 1-46 Bayreuth, 47-175 Bamberg, 176-200 Coburg) und Mainfranken (Nr. 201-400 Würzburg) sowie 600 Menschen aus Mittelfranken (Nr. 401-500 Fürth und Mittelfranken-Land, 501-1000 Nürnberg) deportiert werden, siehe das Dokument T/720 aus dem Eichmann-Prozess.


Aus einer internen Besprechung der Finanzbehörde vom 13.11. ist bekannt, dass zunächst geplant war, von Oberfranken 115 Juden aus Bamberg, 46 aus Bayreuth, 25 aus Coburg und 14 aus Forchheim, und von Mittelfranken 500 Juden aus Nürnberg, 92 aus Fürth, 5 aus Erlangen, 2 aus Dornheim (Landkreis Scheinfeld) und 1 aus Wassertrüdingen (Landkreis Ansbach) zu deportieren [StA Nürnberg, OFD Nürnberg (Bund) Nr. 15472].

In einer amtlichen Aufstellung "Abgeschobene Juden, I. Welle" sind 508 Menschen aus Nürnberg verzeichnet, wobei allerdings zwei Doppelnennungen vorliegen (Karoline Frank, Henry Kaufmann). Somit wurden laut dieser Liste 506 Juden aus Nürnberg nach Riga deportiert. Neben einer "Lfd. Nr." ist den Deportierten in der Liste eine "Polizei-Nr." zugeordnet, die bei 501 beginnt (Dr. Karl Piorkowsky mit der lfd. Nr. 336), was der Zuordnung der "Evakuierungsnummern" für die Nürnberger Juden in der oben erwähnten Organisationsanweisung der Gestapo entspricht. Die höchste verzeichnete "Polizei-Nr." ist 1007 (Martha Schulheimer mit der lfd. Nr. 441). Unter den Deportierten befanden sich auch 7 Kinder unter 6 Jahren, davon ein Kind, der 4jährige Klaus Berliner, ohne Begleitung seiner Eltern. Er erhielt eine der fortlaufenden Transportnummern (Nr. 861). Die abgebildete Liste der Deportierten aus Nürnberg befindet sich im Stadtarchiv Nürnberg, Bestand C 31/I, Nr. 26, Bl. 2-15.

Eine "Liste der zu evakuierenden Juden aus Würzburg" führt 202 Personen auf, davon 2 Kinder unter 6 Jahren. Für den Teiltransport aus Mainfranken wurden wie vorgesehen 200 Transportnummern (Nr. 201-400) vergeben, da nach den Anweisungen der Gestapo Kinder unter 6 Jahren, die sich in Begleitung ihrer Eltern befanden, keine Transportnummer erhielten. Die hier reproduzierte Liste befindet sich im Staatsarchiv Würzburg, Bestand Gestapo 18874, Bl. 9-18.

Eine beim ITS vorliegende Nachkriegsaufstellung des Einwohnermeldeamts enthält die Namen von 500 Deportierten der "I. Welle" nach Riga (ohne Else Kohn, die laut nachträglichem Eintrag am 26.4.39 in Nürnberg verstorben ist). Im Vergleich mit obiger Liste fehlen sieben Personen (Julius Ceslanski, Betti Essinger, Trude Günther, Bettina Halle, Rosa Hausmann, Berta Seiferheld, Arthur Stern), während eine Person (Gretchen Reichsthaler) zusätzlich aufgeführt ist. Insgesamt wären damit 507 Menschen aus Nürnberg am 29.11.42 abtransportiert worden. Dies entspricht der Statistik der Reichsvereinigung, die in einer Nachmeldung im Dezember 1941 für die Kultusvereinigung Nürnberg ebenfalls 507 Deportierte registriert hat.


Für Fürth gibt es im Bestand des ITS ein anhand des Melderegisters nach dem Krieg erstelltes "Verzeichnis der im Jahre 1941 deportierten Personen jüdischen Glaubens". Nach diesen Unterlagen wurden 83 Fürther Juden am 26./27.11. "evakuiert", wobei jedoch aufgrund vergleichbarer Listen für Theresienstadt, die weniger deportierte Fürther Juden aufweisen als aus den Eingangslisten des Gettos bekannt, zu vermuten ist, dass es sich bei den Angaben der Meldebehörde um Mindestzahlen handelt. Nach den Angaben der letzten Sekretärin der Israelitischen Kultusgemeinde Grete Ballin in ihrer auf Anordnung der Gestapo 1943 verfassten Geschichte der Juden in Fürth wurden 94 Menschen am 27.11. abtransportiert (siehe hier).


Die Nachkriegslisten für Nürnberg und Fürth sind nachfolgend reproduziert. Betroffen waren in Mittelfranken auch 4 Juden aus Erlangen, die am 27.11. "zum Arbeitseinsatz nach dem Osten abgeschoben" wurden, siehe den Ausschnitt einer Nachkriegsliste aus dem Archiv des ITS. Ebenfalls im Bestand des ITS befindet sich ein Hinweis auf 3 deportierte Juden aus Dornheim (Landkreis Scheinfeld). Nach den Unterlagen der Gemeindeverwaltung wurden Lina Walfisch, Frieda Lärmer und Irene Lärmer "im Herbst 1941 nach Riga verbracht". Irene Lärmer befand sich von 1929-1940 im Israelitischen Waisenhaus in Fürth. Sie überlebte die Deportation.


Insgesamt sind nach diesen Angaben 608 Menschen aus Mittelfranken am 29.11.41 nach Riga verschleppt worden. Zusammen mit den 200 Juden aus Oberfranken und 202 aus Mainfranken waren 1010 Menschen in dem Transport, wie in dem eingangs genannten Bericht des Regierungspräsidenten von Ober- und Mittelfranken angegeben.

Die Reichsvereinigung verzeichnete in einer Nachmeldung für Bayern 1026 "abgewanderte" Personen und damit 16 mehr als im Transport aus Franken. Die Statistik berücksichtigte allerdings alle Deportationen aus Bayern als Gesamtangabe. So meldete zusätzlich und in Übereinstimmung mit der genannten Differenz der Regierungspräsident von Schwaben in seinem Monatsbericht vom 10.12.41, im November seien "drei jüdische Familien mit 16 Köpfen" weggebracht worden [Bayern in der NS-Zeit, Bd. 1, München 1977, S. 431]. Sowohl die Zahl der Deportierten als auch die Herkunft aus drei Familien entspricht dabei jedoch nicht der Zusammensetzung, die sich aus der Transportliste der Deportation vom 20.11.41 nach Kowno ergeben würde (siehe hier), was die Vermutung eines zweiten kleineren Transports aus Schwaben nahelegen könnte, zumal die zuvor nach Kowno Deportierten bereits in der November-Statistik der Reichsvereinigung registriert wurden.

Nürnberg

Fürth

Erlangen

Die Anordnung der Gestapo hinsichtlich der Gesamtzahl der aus Oberfranken zu deportierenden Juden (200) wurde offensichtlich genau eingehalten. In einem Bericht vom 2.12.41 vermerkte der zweite Bürgermeister von Bayreuth: "Im Zuge der Judenevakuierung wurden am 27.11. aus dem Stadtkreis Bayreuth 46 Juden beiderlei Geschlechts nach Nürnberg transportiert und im Auffanglager Langwasser der Geheimen Staatspolizei übergeben." [StadtA Bayreuth Nr. 8584, zit. nach E. Hübschmann u.a., Physische und behördliche Gewalt, Bayreuth 2000, S. 221] Die Namen dieser 46 Deportierten wurden von Ekkehard Hübschmann rekonstruiert [ebd., S. 224-225].


Für Bamberg ist ein "Verzeichnis der am 27. November 1941 evakuierten Juden" überliefert, das die Namen von 121 jüdischen Einwohnern der Stadt enthält. Die Liste beginnt mit der Nr. 47, wie von der Gestapo festgelegt, und endet mit der Nr. 167. Das Dokument befindet sich in den Yad Vashem Archives, Bestand O.8/374, und wurde als Teil der Digitalen Sammlungen veröffentlicht (auf Blatt 4 der Liste sind zusätzlich die 25 Bamberger Deportierten vom 24.3.42 nach Izbica verzeichnet). Dazu kamen 8 Juden aus Forchheim, die am 27.11. mit einem Lastkraftwagen zunächst nach Bamberg überführt wurden. Zusammen wurden die 129 Menschen mit der Bahn weiter nach Nürnberg transportiert, siehe die Reproduktion aus dem Staatsarchiv Bamberg, Bestand Landratsamt Forchheim, K 9 Nr. 8704.


In einem Bericht an den Oberfinanzpräsidenten Nürnberg über eine "Rücksprache mit dem Leiter der Aktion 3 beim Finanzamt Coburg" heißt es: "Am 27. November 1941 wurden 25 Juden abgeschoben (vgl. Verzeichnis). In Coburg sind noch 11 Juden verblieben..." [StA Nürnberg, OFD Nürnberg (Bund) Nr. 15455]. Das zugehörige "Verzeichnis der am 27.11.41 zur Evakuierung kommenden Juden" befindet sich in den überlieferten Unterlagen des OFP im Staatsarchiv Nürnberg, Bestand OFD Nürnberg (Bund) Nr. 15471.

Dornheim

©TF 2016, mail(at)statistik-des-holocaust.de

Würzburg

Nürnberg

Orte, aus denen deportiert wurde









Bamberg

121


Dornheim

3


Fürth

94

Bayreuth

46


Erlangen

4


Nürnberg

507

Coburg

25


Forchheim

8


Würzburg

202

Bamberg

Forchheim

Coburg