Statistik und Deportation
der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich

Deportationen aus Schlesien nach Auschwitz 1943

Abfahrtsdatum: 26.02.43, Herkunft: Grüssau, Deportierte: 231

Abfahrtsdatum: 05.03.43, Herkunft: Breslau - Oppeln, Deportierte: 1405

Abfahrtsdatum: 31.03.43, Herkunft: Breslau, Deportierte: 35

Abfahrtsdatum: 01.04.43, Herkunft: Breslau, Deportierte: 32

Abfahrtsdatum: 16.06.43, Herkunft: Breslau, Deportierte: 39

Abfahrtsdatum: 10.09.43, Herkunft: Berlin, Deportierte: 1 (nur Schlesien, Gesamtstärke: 53)

Abfahrtsdatum: 14.10.43, Herkunft: Berlin, Deportierte: 2 (nur Schlesien, Gesamtstärke: 74)

Am 28.2.43 wurde das Lager im Kloster Grüssau geschlossen. Zuvor waren bei der "VI. Aktion Grüssau" [F. Połomski, Historia 1991, LXXXIV, 83-119] 102 schlesische Juden am 23.2. nach Theresienstadt deportiert worden (siehe hier) und dazu eine bislang unbekannte Zahl von jüdischen Menschen am 26.2. "nach dem Osten". Ihre Zahl kann mit Hilfe der Statistik der Reichsvereinigung festgestellt werden. Laut einer Mitteilung des Breslauer Vertrauensmanns Erwin Ludnowski waren im Februar in Grüssau noch 333 jüdische Bewohner registriert [A. Konieczny, Tormersdorf Grüssau Riebnig - Obozy przejściowe dla Żydów Dolnego Śląska z lat 1941 - 1943, Wrocław 1997, S. 59]. Dies entspricht genau der in der Monatsstatistik der Reichsvereinigung für den Februar 1943 angegebenen Zahl der Deportierten aus Schlesien. Daher kann geschlussfolgert werden, dass neben den 102 nach Theresienstadt deportierten Menschen aus Grüssau auch 231 Menschen "nach dem Osten", d.h. nach Auschwitz, verschleppt wurden. Ob diese dem 30. Berliner Osttransport, der das Konzentrationslager am 27.2.43 erreichte, bei der Durchfahrt durch Schlesien angeschlossen wurden, ist unbekannt. Die an diesem Tag in Auschwitz vergebenen Häftlingsnummern können, soweit bekannt, nur Berliner Juden zugeordnet werden. Ebenso ist eine Transportliste für die Grüssauer Juden nicht bekannt. Lediglich die Namen von vier Menschen (Marta Brieger, Artur und Katharina Bujakowsky, Alice Libas) konnten aus den Akten der Finanzverwaltung ermittelt werden [A. Konieczny, Tormersdorf Grüssau Riebnig - Obozy przejściowe dla Żydów Dolnego Śląska z lat 1941 - 1943, Wrocław 1997, S. 58].


Wie im gesamten Reichsgebiet wurden auch in Schlesien die noch im kriegswichtigen Arbeitseinsatz befindlichen Juden Ende Februar 1943 im Rahmen der "Fabrikaktion" verhaftet und mit ihren Familien in Sammellager eingeliefert. Der Transport aus Breslau, behördlicherseits als "VII. Aktion" bzw. "Märzwelle" bezeichnet [F. Połomski, Historia 1991, LXXXIV, 83-119], verließ die Stadt nach der Erinnerung eines Deportierten am Morgen des 4.3. und kam in der zweiten darauffolgenden Nacht in Auschwitz an [K. Jonca, in: H. Grabitz u.a. (Hrsg.), Die Normalität des Verbrechens, Berlin 1994, S. 163-164]. Ein Schreiben der Gestapo an die Finanzverwaltung nennt dagegen den 5.3. als Abfahrtsdatum: "Die Jüdin Tichauer ist am 5.3.43 nach Auschwitz evakuiert worden." [F. Połomski, Historia 1991, LXXXIV, 83-119] Auf der Fahrt nach Auschwitz wurde ein Teiltransport aus Oppeln angeschlossen (siehe unten). Am 8.3. meldete Arbeitseinsatzführer Schwarz aus dem Konzentrationslager Auschwitz nach Berlin: "Transport aus Breslau, Eingang 5.3.43, Gesamtstärke 1405 Juden. Zum Arbeitseinsatz gelangten 406 Männer (Buna) u. 190 Frauen. Sonderbehandelt wurden 125 Männer u. 684 Frauen u. Kinder. [N. Blumental (Hrsg.), Dokumenty i materialy, Bd. 1, Obozy, Lodz 1946, S. 110]. Im "Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945" wird der 6.3.43 als Ankunftsdatum genannt, wobei diese Angabe auf einer erhalten gebliebenen Zusammenstellung der in Auschwitz angekommenen "Judentransporte" basiert [YVA O.41/138, siehe hier].


Die Zahl der am 5.3. mit den Teiltransporten aus Breslau und Oppeln nach Auschwitz deportierten Menschen kann aus der Eingangsmeldung mit 1405 angenommen werden. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass auch eine Reihe von Meldungen aus Auschwitz für Berliner Märztransporte existieren, die jedoch von den aus Transportlisten ermittelten Angaben geringfügig abweichen. Da für die Deportation aus Schlesien keine vollständige Transportliste bekannt ist, sind weitergehende Einschätzungen nicht möglich. In der Statistik der Reichsvereinigung für den Monat März 1943 wurden aus dem Bereich der Bezirksstelle Schlesien (Niederschlesien, Oberschlesien ohne eingegliederte polnische Gebiete) insgesamt 1788 Deportierte registriert. Hierzu gehörten neben dem Transport vom 5.3. auch die vom 31.3./1.4. nach Theresienstadt und Auschwitz.


Eine Transportliste ist für den Breslauer Transport vom 5.3.43 nicht überliefert. Aus den früheren Akten des Finanzamts Breslau-Süd war eine unvollständige Liste mit den Namen von 296 Einzelpersonen oder Familienvorständen bekannt, die jedoch beim Hochwasser von 1997 zerstört wurde. Anhand dieser Liste sowie unter Einbeziehung von Unterlagen des Oberfinanzpräsidenten Niederschlesien, darunter die in großer Zahl überlieferten Einzelakten zum Vermögenseinzug von Deportierten, sind Rückschlüsse auf mindestens 1227 Menschen möglich, die am 5.3. abtransportiert wurden [A. Konieczny, Yad Vashem Studies 1996, 25, 317-342]. Aus Grüssau befanden sich keine Menschen in dem Transport, was bestätigt, dass es sich bei der Grüssauer Deportation vom 26.2. um eine eigenständige Aktion handelte [F. Połomski, Dzieje Najnowsze 1986, XVIII, 235-248]. Dagegen wurden die meisten der Anfang 1943 noch verbliebenen 150 Insassen des Lagers Riebnig am 5.3. über Breslau nach Auschwitz deportiert. Am 20.3.43 wurde das Lager Riebnig als letzte der drei "Zweigstellen" der Kultusvereinigung Breslau aufgelöst [A. Konieczny, Yad Vashem Studies 1996, 25, 317-342].


Einen wichtigen Hinweis zur Ermittlung der Zahl der Deportierten liefern die monatlichen Meldungen von Festnahmen in den Tagesrapporten der Staatspolizei(leit)stellen. So meldete die Gestapoleitstelle Breslau 1943 im Januar 8, im Februar 1592 und im März 352 Festnahmen von Juden. Bei Berücksichtigung der 333 Deportierten aus Grüssau bleiben etwa 1250 Menschen, die im Rahmen der "Fabrikaktion" Ende Februar 1943 verhaftet wurden. Im Januar gab es keine Deportationen, während Ende März insgesamt 343 Juden nach Theresienstadt und Auschwitz (einschließlich 1.4.) abtransportiert wurden.


Die nachstehende (unvollständige) Rekonstruktion der Breslauer Transportliste erfolgte unter Berücksichtigung der im Staatsarchiv von Wrocław befindlichen Unterlagen des Oberfinanzpräsidenten Niederschlesien sowie weiterer Quellen. Da sich im Breslauer Transport keine Juden aus dem Regierungsbezirk Liegnitz befunden haben, ist anzunehmen, dass die Betroffenen mit dem oben genannten Transport aus Grüssau deportiert worden sind, Grüssau befand sich im Zuständigkeitsbereich der Behörden in Liegnitz.

Am 31.3. und 1.4. gab es im Rahmen der "Aktion VIII" zwei weitere Deportationen Breslauer Juden nach Auschwitz und am 16.6. als Teil der "Aktion IX" noch einen Transport, ebenfalls nach Auschwitz. In beiden letzteren Transportzügen befanden sich auffallend viele junge Familien mit neugeborenen Kindern. Die Namenslisten der Deportierten stammen aus den Akten des Finanzamts Breslau-Süd und wurden publiziert [A. Konieczny, SFZH 2002, XXV, 367-398; 2003, XXVI, 393-418]. Weitere Personen aus Schlesien wurden im Herbst 1943 über Berlin nach Auschwitz deportiert, siehe die Transportlisten zum 42. und 44. Osttranport hier.

Juden im Arbeitslager Groß Breesen (Stand 15.11.42) und Häftlingsnummern in Auschwitz vom 6.3.43



Böhm, Ernst


Hirschfeld, Günter

107070

Schimmelmann, Manfred

106860

Braun, Manfred

106968

Knopp, Alfred

107098

Singer, Ernst


Breslauer, Heinz

106997

Marcuse, Günther


Singer, Fritz


Cohen, Dodo


Mayer, Helmuth


Singer, Willy

106874

Croner, Edgar

107015

Münzer, Herbert

107104

Steiner, Heinz

106877

Dannenbaum, Erich

107029

Ohnhaus, Walther

107107

Steinkritzer, Horst

106887

Forst, Werner


Oppenheimer, Josef

107130

Unger, Kurt

106918

Guttmann, Walter


Ostrowski, Erich



106932

Hirsch, Hans

107039

Pick, Werner



©TF 2020, mail(at)statistik-des-holocaust.de

Zu den Deportierten gehörten nach den Tagebuchaufzeichnungen von Günther Marcuse auch die meisten der noch verbliebenen 25 jungen Männer des ehemaligen jüdischen Lehrguts in Groß Breesen bei Breslau, das mit Gestapobefehl vom 31.8.41 in ein Arbeitslager umgewandelt worden war. Am 31.10.42 waren bereits 22 Menschen, darunter alle Ehepaare und jungen Frauen, nach Grüssau überführt worden. Das Tagebuch von Günther Marcuse endet am 26.2.43 mit dem Hinweis, dass bis zum 1.3. mit einer Gestapoentscheidung zum Abtransport der "Volljuden" zu rechnen ist, während die "Halbjuden" in Groß Breesen verbleiben sollten [J. Walk, Yad Vashem Studies 1970, 8, 159-181]. Von zumindest 16 der Deportierten aus Groß Breesen sind die in Auschwitz vergebenen Häftlingsnummern aus den Unterlagen des ITS bekannt:

Die Gestapo Oppeln meldete 1943 im Januar 38, im Februar 163 und im März 10 festgenommene Juden. Die Zahl der Verhafteten bei der "Fabrikaktion" Ende Februar 1943 kann dabei mit 130 abgeschätzt werden, wie sich aus der im Deutschen Reichsanzeiger Nr. 92 vom 20.4.43 abgedruckten Transportliste ergibt (siehe hier). Anhand von Zeugenaussagen sowie der in Auschwitz am 6.3.43 vergebenen Häftlingsnummern wird bestätigt, dass der Teiltransport aus Oppeln an den Breslauer Zug angeschlossen wurde. In Oppeln hatten sich die Menschen Ende Februar in der Viehverkaufshalle, dem sogenannten "Bullenkeller", einzufinden und wurden dort für einige Tage festgehalten, bevor sie zum Güterbahnhof geführt wurden [K. Jonca, in: H. Grabitz u.a. (Hrsg.), Die Normalität des Verbrechens, Berlin 1994, S. 166].


Unklar ist, ob auch Juden aus den Altreichkreisen des oberschlesischen Regierungsbezirks Kattowitz zum Koppelzug vom 5.3.43 gebracht wurden. In Gleiwitz wurden die Menschen am 27.2. abgeholt, wie sich aus Unterlagen der Finanzverwaltung ergibt [K. Jonca, Śląski Kwartalnik Historyczny Sobótka 1991, 46, 219-249]. Vermutlich waren sämtliche der nach den Verschleppungen vom Mai/Juni 1942 noch in Gleiwitz verbliebenen jüdischen Menschen, die nicht in einer Mischehe lebten [ZIH 112/15o], von der Deportation betroffen, außer den Sanitätsräten Dr. Arthur Blumenfeld II und Dr. Hugo Schlesinger, die als "Krankenbehandler" zusammen mit ihren Ehefrauen bereits im Juli 1942 nach Sosnowitz umgesiedelt wurden [ZIH 112/131] sowie dem letzten Gemeindevorsteher Justizrat Adolph Kochmann, der im Dezember 1943 verschleppt wurde [ZIH 112/161]. Zumindest 16 Menschen wurden aus Gleiwitz abtransportiert, wie in nachfolgender Liste zusammengestellt. Zu möglichen Deportationen aus Beuthen oder Hindenburg ist dagegen nichts bekannt.

Gleiwitz

31.3.43

1.4.43

16.6.43